Wiener Rundschau: Jg. 2, Bd. 3/4, Nr. 11, S. 431
Text
zu formuliren, in welchem jede Zeile direct oder indirect den Glauben
in sich eingeschlossen tragen sollte, den Glauben an die Weisheit,
Gesundheit, Geheimnissfülle und Schönheit jedes Vorganges, jedes
concreten Dinges, jeder menschlichen oder andersartigen Existenz, und
dies nicht vom Standpunkte Aller, sondern von dem jedes Einzelnen
betrachtet. Obwohl ich es weder begreifen, noch beweisen kann, glaube
ich vollkommen an alle Fäden und Absichten der Natur, im Ganzen
wie im Einzelnen, und dass unsichtbare geistige Resultate, gerade so
real und bestimmt wie die sichtbaren, alles concrete Leben und alles
Materielle durchsetzen und beherrschen, durch alle Zeit hindurch.
Auch muss das Buch heisse Lebensfreude und Fröhlichkeit ausströmen,
da es aus diesen Elementen hervorgewachsen ist und der Trost meines
Lebens gewesen ist, seitdem es zum erstenmale begonnen wurde. Ich
wäre bereit, das ganze Leben noch einmal zu durchwandern mit all seinen
äusseren Misserfolgen und ernstlichen Schäden, Unzulänglichkeiten und
Entsagungen, um das Glück zu empfinden und auf diesem Theil der
Strasse noch einmal zu ziehen.
Ein Entschlussmotiv der Verse war meine Ueberzeugung, dass
die krönende Entwicklung der Vereinigten Staaten eine geistige und
heroische sein muss. Dieser Entwicklung zum Anbruch und zum Fort-
schritt zu verhelfen, oder selbst nur die Aufmerksamkeit auf sie und
ihre Nothwendigkeit zu lenken, ist der Zweck der »Grashalme« vom
Anfang, in der Mitte und am Ende. In der That, wenn wir wirklich
an die Rechnung und letzte Summenziehung gehen, wenn all die end-
losen guten und schlechten brachliegenden Acker der Menschheit aus-
gepflügt werden, so ist nicht eine »gute Regierung« allein im gewöhn-
lichen Sinn des Wortes die Rechtfertigung und der Hauptzweck dieser
Staaten.
Isolirte Vorzüge in Rang, in Anmuth, in Glück — die directen
oder indirecten Fäden aller Poesie der Vergangenheit — sind meiner
Ansicht nach dem republikanischen Geiste zuwider und bieten Grund-
lage für den ihm passenden Vers. Die vorhandenen Gedichte, ich weiss
es, haben den sehr grossen Vortheil, das schon Geleistete zu feiern,
das so voll Herrlichkeiten ist und Erinnerungen, die den Geistern der
Menschen theuer sind. Aber mein Band ist ein Candidat für die Zu-
kunft. »Alle ursprüngliche Kunst,« sagt Taine irgendwo, »gibt sich ihre
eigenen Gesetze, und keine ursprüngliche Kunst kann ihre Gesetze
von aussen empfangen. Sie trägt ihr eigenes Gleichgewicht und empfängt
es nicht von anderswoher, lebt von ihrem eigenen Blut « ein Trost
für meine Häufigen Wunden und verletzte Eitelkeit.
Da diese Worte vielleicht hauptsächlich ein Versuch zur persön-
lichen Erklärung und Erläuterung sind, so will ich mir als weitere
Hilfe gestatten, die folgende Anekdote einem Buche zu entnehmen
— »Berichte von alten Malern« hiess es — das ich in meiner Jugend
eifrig gelesen: Rubens, der flämische Maler, stiess auf einer seiner
Wanderungen durch die Galerien alter Klöster auf ein sonderbares
Werk. Nachdem er es durch eine gute Weile gedankenvoll betrachtet
Zitiervorschlag
Wiener Rundschau: Jg. 2, Bd. 3/4, Nr. 11, S. 431, in: Wiener Rundschau Digital (1896–1901), herausgegeben vom Austrian Centre for Digital Humanities (ACDH), Wien 2025 (https://acdh-oeaw.github.io/wiener-rundschau-static/WR-02-01-11_n0431.html)